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Ziegelwand-Recycling-Totenkopfsymbol

Der Skandal um die mittelhessische Firma Woolrec ist größer als bisher angenommen. Nach neuesten Erkenntnissen wurde nicht nur das krebserregende „Woolit“ verwendet, sondern auch tonnenweise hochgradig giftige Stäube aus Filteranlagen einer Dillenburger Firma. Dadurch sind die Ziegel hochgradig mit Schwermetallen belastet. Das mittlerweile geschlossene Unternehmen hat bewusst betrogen.

 

Die hr-Reporter Paus und Taylan haben bereits vor drei Jahren aufgedeckt, dass Woolit krebserregend ist. In ihrer langwierigen Recherche haben die beiden Reporter das angeblich unbedenkliche Recycling-Produkt als hochgradigen Giftmüll-Rohstoff für die Ziegelproduktion entlarvt. 2012 hat das Regierungspräsidium Gießen das Unternehmen geschlossen und erhob Ende 2014 Klage gegen den ehemaligen Chef Edwin Fritsch sowie den Gutachter Prof. Gäth. Ob die Klage zugelassen wird, entscheidet das Landgericht Gießen nicht vor Oktober. Dies liegt an mehreren anhängigen Verfahren, die vorrangig behandelt werden müssen.

Neue Erkenntnisse zeigen nun ein größeres Ausmaß des Skandals. Neben den krebserregenden Stoffen wurde auch hochgradig mit Schwermetallen belastetes Material zur Herstellung von Woolit verwendet. Das toxische Material stammt aus der Emailproduktion und ist eigentlich Sondermüll, der üblicher Weise teuer entsorgt werden muss. Bei der Emailproduktion fallen in Glas eingeschlossene Schwermetalle an, die nicht entsorgt, sondern Woolit beigesetzt wurden. Aus anonym zugespielten Dokumenten konnten die hr-Reporter belegen, das tonnenweise giftige Stäube aus den Filteranlagen der Email- und Glasurenfabrik Wendel mit Sitz in Dillenburg in das Produkt Woolit gemischt wurdn. Die Firma Wedel hat die Abfälle, sogenannte Fuchsstäube, an Woolrec geliefert, jedoch immer beteuert lediglich Wertstoffe und keinen Sondermüll geliefert zu haben.

Um dieses Giftmüll-Produkt so zu produzieren und in den Verkehr zu bringen, wurde nicht einmal davor zurückgeschreckt Gutachten zu frisieren. Der von Woolrec beauftragte Gutachter Professor Stefan Gäth von der Universität Gießen hat den schwermetallhaltigen Abfall als unbedenklich eingestuft. Diese Einschätzung ging auf die Analysemethode des Königswasseraufschluss zurück. Allerdings lasse sich mit dieser Methode nicht die tatsächliche Konzentration von Schwermetallen bestimmen, da diese im Glas eingeschlossen sind. Außerdem habe das Gutachten schwerwiegende Rechenfehler. So hat Prof. Gäth die Schadstoffmenge zehnfach niedriger berechnet als sie tatsächlich ist. Auch wurden die Untersuchungen nicht von einem zertifizierten Labor durchgeführt.

Überhaupt wurde mit falschen Karten gespielt. So äußerte sich Manfred Messerschmitt, Techniker bei Woolrec, gegenüber hr, dass Woolit nie in der Kugelform produziert wurde, wie es offiziell präsentiert wurde. „Diese Kügelchen sind von Hand geformt worden, und offensichtlich hat der Herr Fritsch die selber gemacht“, so Messerschmitt. Der frühere Vorarbeiter Heiko Wesely erklärt, dass Firmengründer Fritsch die Kügelchen für die Präsentationen selbst produziert habe, indem er den Müll unter Beigabe von Gelatine durch einen Fleischwolf gedreht hat. Allem Anschein nach wurde bewusst betrogen und getrickst.

Auch Sicherheitsvorschriften wurden nicht beachtet. Die schwermetallhaltigen Glasfasern wurden einfach auf dem Betriebsgelände ausgekippt. In der Firmenhalle seien laut einem ehemaligen Mitarbeiter die Fasern in der Luft nur so herumgeflogen. „Und dann ging vorne das Tor auf, und dann ist halt immer eine Dunstwolke rausgezogen.“

Mehrere Ziegeleien haben nachweislich Ziegel aus Woolit hergestellt. Das waren die Firma Hüning in Olfen (Nordrhein-Westfalen), zwei Werke des Ziegelherstellers Wienerberger mit Hauptsitz in Hannover und die Ziegelwerke Juwö in Wöllstein (Rheinland-Pfalz) und Lücking in Warburg-Bonenburg (Nordrhein-Westfalen). So sind über Jahre Millionen von Ziegeln für den Wohnungs- und Hausbau in Deutschland und Europa produziert und verbaut worden, die schlicht Sondermüll sowie gesundheitsschädlich sind. Vor allem wenn Löcher gebohrt werden, um ein Bild aufzuhängen, ist dies für die Bewohner bedenklich. „Und was viel gravierender ist: Wenn Schlitze für Elektroinstallationen unter Putz gemacht werden. Da wird natürlich das Material frei“, sagt der Leiter der Gefahrstofflaboratorien an der Universität Gießen, Dirk Walter, gegenüber den hr-Reportern.