Frankfurt-Mainufer-Skyline

Das Rhein-Main-Gebiet hat mit Trinkwasserengpässen zu kämpfen. Zur Sicherstellung der Trinkwasserversorgung muss Wasser aus anderen Regionen in den Ballungsraum gepumpt werden. Neben dem Rückgang der Grundwasserneubildung kommen mit Chemikalien kontaminierte Brunnen hinzu. Auch Bebauungspläne führen zur Stilllegung von Brunnen.

Für die Wasserversorger im Rhein-Main-Gebiet wird die Trinkwasserbereitstellung problematischer. Schon jetzt wird Wasser aus anderen weit entfernten Regionen gebraucht. Die Bewohner des Rhein-Main-Gebiets werden zum Teil mit Trinkwasser aus dem Spessart und dem Vogelsberg versorgt. Weil das künftig auch nicht reichen wird, kommt demnächst auch Wasser aus Mittelhessen. Nach Angaben von Hans-Joachim Grommelt vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Hessen (BUND), sei es sei betriebswirtschaftlich günstiger Wasser von weit entfernten Gebieten zu beziehen als die Brunnen zu sanieren.


Eine weitere Ursache ist der Rückgang der Grundwasserbildung im Raum Friedberg. Dieser Verlust wird jetzt durch das Mittelhessische Wasserwerk Gießen ausgeglichen. Bereits in diesem Jahr wird Trinkwasser durch eine neue Leitung in das Rhein-Main-Gebiet gepumpt. Jährlich werden es etwa zwei Millionen Kubikmeter sein.

Das Wasserwerk Praunheim II im Frankfurter Norden hat „mittelfristig keine Zukunftsperspektive“. Hier sind chlorierte Kohlenwasserstoffe und Pflanzenschutzmittel die Ursache, die zu einer Minderung der Wassermengen geführt hat. Früher hat das Wasserwerk 2,6 Millionen Kubikmeter pro Jahr gefördert. Der Brunnen wird wohl ganz aufgegeben werden müssen, denn es sollen in dem Gebiet ein Gewerbegebiet, eine Umgehungsstraße und mit der Regionaltangente West eine S-Bahnstrecke gebaut werden. All diese Faktoren sprechen dafür, dass der Betrieb dieses Wasserwerks „nicht zu gewährleisten“ ist.
Schon seit langem ist das Wasserwerk Hattersheim, weiter südlich der Rhein-Main-Region. Dieses hatte früher die Stadt Frankfurt versorgt. Das Wasserwerk Hattersheim dient nur noch als Reserve für Notfälle. Wegen erheblicher Gefährdung und Beeinträchtigung ist ein Regelbetrieb nicht möglich. Es wären „erhebliche Investitionen nötig“, um das Wasserwerk wieder flott zu machen, wie ein Sprecher von Hessenwasser erklärt.

Wegen neuer Bebauungen im Frankfurter Stadtwald kommt es zu weiteren Schließungen von Wasserwerken. Weil die ICE-Neubaustrecke Frankfurt-Mannheim und die neue S-Bahnlinie Gateway Gardens entsteht, sieht Hessenwasser die bestehenden Wasserwerke, die jährlich etwa 12 Millionen Kubikmeter Wasser fördern als gefährdet. Das Wasserwerk Hinkelstein musste seine Förderleistung bereits wegen qualitativer Beeinträchtigung reduzieren. Das im Umfeld des gigantischen Flughafens liegende Wasserwerk Schwanheim ist bereits außer Betrieb. Hessenwasser sucht nach neuen Brunnen im Stadtwald, nur in weniger gefährdeten Gebieten des Areals.

Im hessischen Ried haben die Wasserwerke andere Probleme. Im Grundwasser des Wasserwerks Dornheim bei Groß-Gerau wurde Dikegulac nachgewiesen. Dabei handelt es sich um ein Nebenprodukt bei der Vitamin C Herstellung. Seit Jahren ist auch hier die Förderung von Trinkwasser reduziert. Der Versorger Hessenwasser hat die Rückstände von Dikegulac auch auf die Produktion von Ascorbinsäure beim Pharmakonzern Merck zurückführen können.

Die Rückstände gelangten über das eigene Klärwerk von Merck und den Darmbach ins Ried. Die Produktion ist seit 2002 eingestellt und das Klärwerk wurde zudem nachgerüstet. Obwohl der Stoff lange nicht mehr in die Gewässer fließt, ist er immer noch ein Problem. Dikegulac ist schwer abbaubar und hält sich hartnäckig im Wasserkreislauf. Neben Dikegulac kommen für Hessenwasser weitere Probleme für dieses Wasserwerk hinzu. Auch hier führt die neue ICE-Trasse lang und die A67 wird ausgebaut. Sicher ist: Wegen dieser Planungen muss mindestens eine Wassergewinnungsanlage des Wasserwerks Pfungstadt ersetzt werden.
Im Rhein-Main-Gebiet werden in den Bächen, Flüssen und Seen zunehmend unterschiedlichste Schadstoffe und Chemikalien, wie Arzneimittelwirkstoffe, Korrosionsschutzmittel, Pflanzenschutzmittel und Perfluorverbindungen nachgewiesen. Die machte der Bund für Umwelt- und Naturschutz Hessen (BUND) kürzlich öffentlich. Das Umweltbundesamt fordert eine vierte Reinigungsstufe für kleine und größere Kläranlagen, „die in sensitive Gewässer einleiten“.

Der BUND Hessen beruft sich auf Informationen vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. So wurden im Wasserwerk Allmendfeld und Gerauer Land höhere Belastungen nachgewiesen. Die gesundheitlichen Orientierungswerte des Umweltbundesamtes und der Grenzwert für Tetrachlorethen wurden im Wasserwerk um das doppelte überschritten. Das Antiepileptikum und Schmerzmittel Gabapentin wurde im Wiesbadener Wasserwerk deutlich unter dem Grenzwert nachgewiesen, aber dennoch ist es im Trinkwasser wo es nicht hingehört. Das Klärwerke Arzneimittelrückstände nur unzureichend herausfiltern ist ein bundesweites Problem und unlängst bekannt. Besonders in Südhessen sind die Bäche mit solchen Stoffen belastet. Wegen der sandigen Böden gelangen die Rückstände in die Grundwasserreservoire und Trinkwasserbrunnen bis schließlich zum Verbraucher.

Die veröffentlichten Daten des BUND wurden von einem Sprecher des Versorgers Hessenwasser bestätigt. Der Nachweis der vielen unterschiedlichen Stoffe sei auch der verbesserten Analytik im Labor geschuldet. Durch immer feinere Methoden könnten auch immer mehr Stoffe nachgewiesen werden. Aber die Mengen der nachgewiesenen Stoffe seien „ganz klar nicht gesundheitsgefährdend“. Es sind nur Milliardstelgramm pro Liter. „Im Verhältnis ist das so, als ob sie fünf Zuckerwürfel in den Wannsee werfen“, wird beschwichtigt. Auf der Internetseite von Hessenwasser ruft der Versorger die Bürger auf mitzuhelfen und Arzneimittel nicht mehr in der Toilette zu entsorgen.

In Wiesbaden ist die Meinung eine andere zu den Schadstoffen im Wasser. Hier herrscht die Meinung, dass selbst geringste Konzentrationen bei Fischen zu Nieren- und Kiemschäden führen. Laut Ergebnissen von zwei Gutachten der Technischen Universität Darmstadt ist es nötig „in den Klärwerken zukünftig eine sogenannte vierte Reinigungsstufe zur Elimination von Spurenstoffen wie Medikamentenresten, Röntgenkontrastmitteln“ zu installieren.
Der BUND Hessen fordert, die Kläranlagen im Hessischen Ried nachzurüsten, damit gewährleistet wird, dass die Chemikalien zurückgehalten werden und selbst Medikamentenrückstände nicht mehr in die Wasserwerke gelangen können.

Baden-Württemberg ist bei der Installation einer vierten Reinigungsstufe bundesweit Vorreiter. Zehn kommunale Kläranlagen verfügen bereits über eine vierte Reinigungsstufe. In vier Kläranlagen wird gerade gebaut und weiter vier sind in Planung. Hessenwasser scheut sich noch. Zwar wird zugegeben, dass herkömmliche Kläranlagen Medikamentenrückstände nicht zufriedenstellend herausfiltern. Doch eine Nachrüstung wäre „sehr aufwendig und sehr teuer“.

Auch der Verband kommunaler Unternehmen hält nicht viel von der Forderung des Umweltbundesamtes, eine vierte Reinigungsstufe für kleine und größere Kläranlagen zu installieren. „Eine Fokussierung auf kommunale Kläranlagen zum verbesserten Schutz der Oberflächengewässer greift viel zu kurz", heißt es in einer Mitteilung. Der Verband kommunaler Unternehmen fordert vielmehr „die konsequente Anwendung des Verursacherprinzips“ für den Gewässerschutz. Und ein großer Verursacher ist die Landwirtschaft, zumindest was Pflanzenschutzmittel und Nitrat angeht.

So hält der Sachverständigenrat für Umweltfragen, welcher die Bundesregierung berät, eine Abgabe auf Pflanzenschutzmittel für sinnvoll. Diese Gelder sollten laut Verband kommunaler Unternehmen für die Sanierung bestehender Gewässer eingesetzt werden. Getreu dem Motto „wehret den Anfängen“ sollten schon bei der Produktzulassung von Medikamenten und Pflanzenschutzmitteln die Auswirkungen auf Umwelt und Grundwasser berücksichtigt werden. Ob irgendwann auch eine Abgabe auf Medikamente zum Schutz der Gewässer kommt, bleibt abzuwarten. Dann trifft es wie so oft auch wieder den Endverbraucher, der in diesem Falle aber auch Verursacher ist. Eine Preiserhöhung des Wassers im Rhein-Main-Gebiet ist auch möglich. Das Rhein-Main-Gebiet bzw. Hessenwasser hat zahlreiche Baustellen im Bereich Wasserversorgung, Aufbereitung und Klärung. Irgendwie müssen die Kosten ja getragen werden.

 

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