×

Nachricht

Die E-Mail-Funktion wurde temporär aus dieser Website deaktiviert. Bitte später erneut versuchen.

Herz über Hände

Krebs kann beinahe alle Organe und Körperteile befallen. Nur das Herz weist extrem selten Tumore auf. Dieses Phänomen gibt Wissenschaftlern und Forschern seit langem ein Rätsel auf. Nun gibt es eine neue Theorie.

Warum wird das Herz so selten von Tumoren befallen? Krebs scheint ansonsten keine Grenzen zu haben. Karzinome entwickeln sich unter anderem im Brustgewebe, der Lunge, dem Dickdarm, den Nieren oder befallen die Haut, die Prostata, das Gehirn, die Knochen oder die Schilddrüse. Krebs ist eine der gefürchteten Krankheiten, auch wegen der zahlreichen Erscheinungsformen. Nur das Herz wird extrem selten befallen. Die wenigsten wissen überhaupt, dass es diese Form der Krankheit überhaupt gibt. Schon lange rätseln Forscher wieso das Herz so selten an Krebs erkrankt. Genau wie das Herz wird auch das Fettgewebe so gut wie nie von Tumoren befallen.

2013 sind in der Europäischen Union knapp 1,3 Millionen Menschen an Krebs gestorben. Das sind 26 Prozent der Todesfälle aus diesem Jahr. In der Bundesrepublik sterben jährlich etwa 220.000 Tausend Menschen an dieser tückischen Krankheit. Die häufigste Form ist der Lungenkrebs. Jeder fünfte krebsbedingte Todesfall in Europa geht auf die Erkrankung der Lunge zurück. Männer sind öfter als Frauen von Krebs betroffen und Lungenkrebs trifft sie besonders häufig. Frauen hingegen erliegen am häufigsten dem Brustkrebs. Bei anderen Krebsformen wird wegen der Streuung der Karzinome auch manchmal das Herz befallen. Sogenannte primäre Tumore entwickeln sich am Herz fast nie.

Forscher glauben, dass könnte eine Folge der natürlichen Selektion sein. Der menschliche Körper kann in großen oder paarweise angelegten Organen eine Krebserkrankung zumindest für einen gewissen Zeitraum besser verkraften, als an kleinen Organen mit lebenswichtiger Funktion wie das Herz. Es wird vermutet, dass sich in den größeren Organen die Schutzmechanismen zur Bekämpfung von Tumoren im Laufe der Evolution weniger entwickelt hätten. Dies ist die neue wissenschaftliche Theorie, die im Fachjournal "Trends in Cancer" vorgestellt wurde.

Nach Angaben der Hypothese erkranken von 100.000 Menschen etwa 57 an Lungenkrebs, 41 an Darmkrebs und 24 an Hautkrebs. Das Gehirn wird bei sechs von 100.000 Menschen befallen und 12 Menschen erkranken am tückischen Bauchspeicheldrüsenkrebs. Eine Erkrankung des Herzens ist so selten, dass sie statistisch erst gar nicht aufgelistet wird.
Bei Krebsformen die paarig angelegte Organe betreffen, sind die Unterschiede ebenfalls enorm. Von 100.000 Menschen werden bei 16 die Nieren befallen. An Hodenkrebs erkranken gerade mal drei Männer und lediglich sechs Frauen an Eierstockkrebs. “Die Organe, die am wichtigsten dafür sind, einen Menschen am Leben und fortpflanzungsfähig zu halten, wie Herz, Gehirn und Gebärmutter, könnten besseren Schutz vor Krebs genießen“, vermutet der Evolutionsbiologe Frédéric Thomas vom französischen Krebsforschungszentrum CREEC in Montpellier.

Für Hellmut Augustin vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg ist die Hypothese nicht schlüssig. “Evolution interessiert sich nie für das Überleben von Individuen, sondern nur für das der gesamten Population. Tumore sind zumeist Erkrankungen des fortgeschrittenen Alters jenseits der Fortpflanzungsphase. Für das Fortkommen der Spezies haben sie deshalb gar keine Bedeutung“, so Augustin. Im Hinblick auf die vielen möglichen Fehler in Zellabläufen, sei Krebs zudem ein eher seltenes Ereignis. Er sei als Treiber für die evolutionäre Selektion “kaum geeignet“.

Auch die von den Autoren bezeichnete Einteilung in unwichtige und wichtige Organe sieht Hellmut Augustin kritisch. “Es hängt nicht allein von seiner Größe ab, wie gut ein Organ Tumoren im Gewebe zu tolerieren vermag“, erklärt der Krebsforscher. Allerdings sind Forschungen in die Richtung wünschenswert. Noch ist der Zusammenhang von Regenerationsfähigkeit und Krebsanfälligkeit von Organen wissenschaftlich nicht völlig erklärbar. Die Wissenschaft sieht aktuell vor allem äußere Einflüsse wie UV-Strahlung und Zigarettenkonsum sowie innere Abläufe, wie eine hohe Teilungsrate von Zellen bestimmter Organe als Ursache für die unterschiedliche Anzahl der Tumorbildung.

Die Forscher um Frédéric Thomas sind überzeugt mit ihrer Hypothese über den Einfluss der Evolution auf Krebserkrankungen das Gesamtbild zu vervollständigen. Es macht in ihren Augen Sinn, dass der Körper beim Herzen oder der Bauchspeicheldrüse mehr in die Immunabwehr investiere, da hier schon ein geringer Befall von Karzinome lebensbedrohlich sein können. Leider versagt die Immunabwehr aber leider doch.

Da stellt sich die Frage, warum die Evolution die Immunabwehr nicht in allen Bereichen optimiert hat. Nach Angaben der Forscher hätte eine maximierte Immunabwehr auch Nachteile. Die Immunreaktionen, die Mutationen von Zellen verhindern und mutierte Zellen absterben lassen, würden auch andere Prozesse im Körper beeinträchtigen. Die Forscher führen da etwa die Wundheilung oder die ständige Zellvermehrung an. Zudem würde ein auf das Maximum entwickeltes Immunsystem den Körper viel Kraft kosten.

Seit Jahren versuchen Forscher und Wissenschaftler herauszufinden, welche faktoren das Krebsrisiko eines Menschen beeinflussen. Die Wissenschaftler der renommierten Johns Hopkins University in Baltimore/USA haben mit einer Studie für Aufsehen gesorgt. Sie behaupten, dass eine Krebserkrankung wesentlich stärker vom Zufall abhängt, als von Erbgut und Umwelteinflüssen. Eine Krebserkrankung sei einfach Pech. Für sie ist die Zahl der Stammzellteilungen in einem Gewebetyp weit wichtiger als Umweltfaktoren oder die genetische Abstammung, wie es im Fachmagazin Science veröffentlicht wurde.

Die Zellteilung ist ein ständiger Prozess. Bei jeder Zellteilung können sich Genveränderungen ergeben. Diese Zellmutationen werden in der Regel durch das Immunsystem bekämpft und verhindert. Tritt so eine Genveränderung bei einer Stammzelle auf, ist die Auswirkung besonders dramatisch, denn die gibt die Veränderung lebenslang an alle neuen Tochterzellen ab. Damit ist eine Grundvoraussetzung für eine mögliche Krebserkrankung gelegt. Laut den Forschern gehen 65 Prozent der Unterschiede im Krebsrisiko verschiedener Organe auf diese unglücklich verlaufende Zellteilung zurück. Sie räumen aber auch ein, dass bei manchen Krebsformen die Umwelt- und Erbfaktoren eine größere Rolle spielen. Dies ist bei neun der 31 untersuchten Krebsformen so, zu denen Haut- und Lungenkrebs gehören.

Die Wissenschaftler um Frédéric Thomas glauben, dass auch die häufigere Teilung der Stammzellen in einigen Organen auf die Evolution zurückgehen könnte und sich die Zellen von Herz und Gehirn deshalb weniger häufig teilen. Um die Hypothese zu untermauern, wollen die Wissenschaftler dies mit Versuchen an Mäusen überprüfen. Für Hellmut Augustin sind andere Forschungsansätze sinnvoller. So wäre es interessant herauszufinden warum Riesenschildkröten auch im Alter von hundert Jahren keinen Krebs entwickeln und eine Maus schon mit zwei Jahren an Krebs erkranken kann. Auch leiden Haustiere im hohen Alter häufig an Krebs, doch Kühe und andere Wiederkäuer können sehr alt werden, ohne Krebs zu bekommen. Die Beantwortung dieser Fragen könnte auch vieles in der Krebsforschung beim Menschen beantworten. “Wir nehmen es oft als gegeben hin, dass Tumoren nun einmal typisch bei hohem Alter sind. Das sollten wir nicht“, so Augustin. “Die Frage ist doch: Wie können wir Tumorerkrankungen effektiver vermeiden, früher erkennen und besser heilen, um das natürliche Langlebigkeitspotenzial des Menschen besser und gesünder auszuschöpfen?"