UK-EU-Flagge

Die Ausreiseflut der ausländischen Ärzte in Großbritannien nimmt zu. Für die Patientenversorgung führt das zu katastrophalen Zuständen. Dabei warnten schon vor Monaten Verbände, Gewerkschaften und Klinken vor dieser Gefahr und forderten die Regierung auf schnell zu handeln.

Schon vor Monaten berichteten britische Kliniken darüber, dass Aufgrund der Brexit-Entscheidung die Unsicherheit für ausländische Ärzte wächst und zahlreiche dieser Mediziner das Land verlassen könnten. Fachverbände forderten die Regierung auf zu handeln, da die Patientenversorgung als „ernsthaft gefährdet“ zu sehen sei. Grund hierfür liefert die Ungewissheit wer noch weiter in Großbritannien bleiben darf, das Land verlassen muss oder wem gar eine Abschiebung droht.

So veröffentlichte zu der Zeit die Tageszeitung “Times“ einen offenen Brief des Krankenhausverbandes “Federation of Specialist Hospitals“, in dem die Anzeichen für eine Auswanderungswelle ausländischer Ärzte mit Besorgnis betrachtet wurde. „Wir beobachten mit großer Sorge, dass sich immer mehr ausländische hoch qualifizierte Fachärzte vom NHS abwenden, um Großbritannien zu verlassen“, schreiben Vertreter mehrerer Kliniken und erwähnen Versorgungslücken.

Die bestätigt auch eine Umfrage der „Ärzte Zeitung“ im Großraum London und Manchester. In den beiden Metropolen haben auch dort Ärzte und anderes Klinikpersonal aus EU-Ländern offenbar damit begonnen das Land zu verlassen.

Patientenorganisationen und Berufsverbände drängen die Regierung „unverzüglich“ entsprechende Garantien für EU-Ärzte auszustellen. Ausländische Mediziner und Fachpersonal müssen ein gesichertes Aufenthalts- und Arbeitsrecht erhalten, unabhängig der anstehenden Brexit-Verhandlungen „Diese lähmende und nervenaufreibende Unsicherheit schadet sowohl der Arbeitsmoral als auch der Patientenversorgung“, sagte eine Sprecherin des Ärzteverbandes British Medical Association gegenüber der „Ärzte Zeitung“.

Die British Medical Association (BMA), die Ärzteorganisation und -gewerkschaft sowie der Herausgeber des British Medical Journals schlagen ebenfalls Alarm. Etwa zwei von fünf qualifizierten Ärzten aus dem Europäischen Wirtschaftsraum, erwägen das Vereinigte Königreich aufgrund der Auswirkungen des Referendums zu verlassen.

Etwa 42 Prozent der 12.000 Ärzte, die in europäischen Ländern ausgebildet wurden und im Vereinigten Königreich praktizieren, denken ernsthaft darüber nach das Land zu verlassen. Sie fühlen sich laut einer Umfrage seit der Brexit-Abstimmung weniger willkommen sind und sind um ihre Aufenthaltserlaubnis besorgt. Diese Erkenntnisse sind Grund zur Sorge im Gesundheitswesen. Die Angst geht um, weil die Befürchtung groß ist, dass die Auswanderungsflut der Fachkräfte aus dem Europäischen Wirtschaftsraum weiter ansteigt und der bereits bestehende Personalmangel in der Patientenversorgung weiter ansteigt.

In einer Umfrage der BMA wurden 1.193 Ärzte aus dem Europäischen Wirtschaftsraum in Großbritannien befragt. Auf die Frage ob sie nach der Volksabstimmung über den Brexit darüber nachdachten das Land zu verlassen, antworteten 500 (42 Prozent) mit „Ja“, 309 (26 Prozent) sagten „Nein“, 278 (23 Prozent) waren sich nicht sicher. 106 enthielten sich der Antwort.

„Das sind die Leute, die in unseren Krankenhäusern und Hausarztpraxen beschäftigt sind, sich um gefährdete Patienten in der Gemeinde kümmern und lebenswichtige medizinische Forschungen betreiben, um Leben zu retten. Viele haben sich jahrelang mit ihrem Dienst der Gesundheitsversorgung in Großbritannien gewidmet, also ist es sehr ernst zu nehmen, dass so viele erwägen, zu gehen“, sagt Dr. Mark Porter, der BMA-Betriebsratsvorsitzende. „In einer Zeit, in der das NHS bereits an der Grenze der Belastbarkeit steht und einem lähmenden Personaldefizit ausgesetzt ist, wäre dies eine Katastrophe und bedrohe die Sicherstellung von qualitativ hochwertiger Patientenversorgung. Aber es geht nicht nur um Zahlen. Die Qualität der Patientenversorgung wird verbessert, wo Ärzte vielfältige Erfahrungen und Fachwissen haben“.

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst die 28 Mitglieder der Europäischen Union sowie Norwegen, Island und Liechtenstein. Aus dem Register des General Medical Council geht hervor, dass im Vereinten Königreich 280.932 Ärzte eingetragen sind. Von denen wurden 177.912 (63 Prozent) in Großbritannien ausgebildet, 30.733 (11 Prozent) in einem anderen EWR-Land und 72.287 (26 Prozent) außerhalb der EWR. „Während Tausende von Übersee- und EU-Ärzten in ganz Großbritannien arbeiten, um die bestmögliche Versorgung für die Patienten zu bieten, fühlen sich viele aus der EU unerwünscht und sind unsicher, ob sie und ihre Familien das Recht haben werden, nach dem Brexit in Großbritannien zu leben und zu arbeiten“, so Porter.

„Seit dem Ergebnis des EU-Referendums fühle ich mich zunehmend unsicher über meine Zukunft und erwäge, nach Deutschland zurückzukehren. Es ist beunruhigend, dass ich in einem Land, in dem ich 20 Jahre meinen Beitrag geleistet habe und als Heimat bezeichne, jetzt als Ausländer gesehen werde und beweisen muss, das ich es verdiene hier zu leben und zu arbeiten“, ist Dr. Birgit Woolley, aus Deutschland stammende und seit 20 Jahren in Britannien praktizierende Hausärztin, enttäuscht. „Ich fühle mich von meinen Patienten unterstützt, auch von denen die für den Brexit gestimmt haben, den sie sagen zu mir: ‘Sie können bleiben weil Sie eine Ärztin sind. Wir mögen Sie. Wir haben Sie nicht gemeint‘. Aber die Realität ist, dass die Regierung nicht schätzt, was EU-Bürger wie ich in Großbritannien beigetragen haben. Sie sieht uns nur als Verhandlungsgegenstand.“

Ein Sprecher des Gesundheitsministerium erklärt zu der aktuellen Situation: „Wie die Regierung wiederholt deutlich gemacht hat, bilden die ausländischen Arbeitnehmer einen entscheidenden Teil unseres Gesundheitssystems und wir schätzen ihren Beitrag immens. Wir wollen weiterhin die herausragende Arbeit von Ärzten und Krankenschwestern aus Übersee sehen, doch gleichzeitig wollen wir sicherstellen, dass wir inländischen Studenten die Möglichkeit geben Ärzte zu werden, angesichts der anhaltenden Beliebtheit dieses Karrierewegs.“

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