Antibiotika

Der Fall einer Patientin in den USA schlug Wellen. Der multiresistente Keim war mit keinem der 26 zugelassenen Antibiotika zu behandeln. Die Patientin verstarb an einer Blutvergiftung. Obwohl immer mehr Keine resistent gegen Antibiotika sind, ist die Forschung nach neuen Präparaten für die Pharmaindustrie nicht mehr lukrativ. Auch in Deutschland kaum noch Forschung auf dem Gebiet.

Immer wieder ist von multiresistenten Keimen und der Unwirksamkeit von Antibiotika zu lesen. Der weltweit übermäßige und unsachgemäße Gebrauch von Antibiotika trägt entscheidend zu dieser Entwicklung bei. Laut Umweltbundesamt wurden im Jahr 2012 etwa 1.619 Tonnen Antibiotika von Pharmaunternehmen und Arzneimittelgroßhändlern an Betreiber tierärztlicher Hausapotheken abgegeben. In der Humanmedizin wurden im selben Zeitraum etwa 630 Tonnen Antibiotika abgegeben. Der hohe Einsatz von Tierpharmazeutika liegt in den Verfahren der industriellen Massentierhaltung.

Bisher haben bei Infektionen mit resistenten Keimen sogenannte Notfall- bzw. Reserve Antibiotika wie Colistin noch helfen können. Nach Angaben des Robert-Koch-Institut wird das relativ alte Antibiotikum Colistin in den letzten Jahren wieder vermehrt verabreicht. Colistin hat nicht unerhebliche Nebenwirkungen, ist aber immer öfter „eine letzte verbliebene Therapieoption“.Diese letzte Möglichkeit könne laut einer Mitteilung des Bundesinstituts für Risikoforschung (BfR) ebenfalls bald unwirksam werden. Bei der verstorbenen US-Bürgering half keines der zugelassenen Antibiotika Präparate.

„Die weltweite Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen muss gestoppt werden. Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, drohen die Behandlungsmöglichkeiten in ein Vor-Penicillin-Zeitalter zurückzufallen, mit dramatischen Konsequenzen. Mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie haben wir seit 2008 wichtige Maßnahmen, zum Beispiel bei der Krankenhaushygiene, auf den Weg gebracht. Jetzt geht es darum, die bestehenden Regelungen vor Ort konsequent anzuwenden und die Anstrengungen national und international weiter zu verstärken. Denn kein Staat kann den weltweiten Anstieg von Antibiotika-Resistenzen alleine aufhalten. Fortschritte werden wir nur dann erzielen, wenn wir uns gemeinsam klare Regeln für den Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin und der Tierhaltung setzen und die Forschung verbessern“, sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

Die Realität in Sachen Forschung sieht allerdings nicht rosig aus. Nur neue Präparate, die als Reserve dienen, könnten bei der Behandlung von multiresistenten Keimen helfen. Für die Pharmaunternehmen ist die Erforschung neuer Antibiotika aber wenig lukrativ. Die Profite sind bei Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs um ein vielfaches höher als bei Antibiotika. Diese werden nur für wenige Tage verabreicht und sollen nach Möglichkeit nur selten zum Einsatz kommen.

Der Fall aus den USA ist keine Seltenheit. Weltweit sterben 700.000 Menschen aufgrund von Antibiotika-Resistenzen. Allein in kommt in Deutschland kommt es jährlich etwa zu 6.000 Todesfällen durch Erkrankungen mit multiresistenten Keimen, bei denen eine Antibiotikatherapie nicht anschlägt. Bleibt es bei der Entwicklung von Resistenzen gegen Antibiotika, könnten 2050 weltweit in etwa so viele Menschen an Infektionen durch multiresistenten Keimen sterben wie an Krebs, wie ein Wissenschaftler der Umweltmedizin der Berliner Charité im Juni 2015 erklärte.

“Wir sind dabei, von den Krankheitserregern in die Enge gedrängt zu werden. Ohne Antibiotika gibt es im Grunde keine moderne Medizin“, sagt der Antibiotika-Forscher Kim Lewis, Professor an der Northeastern Universität in Boston. Auch die WHO warnte vor einer weltweiten Bedrohung durch Antibiotikaresistenzen. Werde nicht dagegen gehalten, stehe die Welt bald vor einer “post-antibiotischen Ära“, bei der wieder gewöhnliche Verletzungen und kleinste Verletzungen wieder tödlich enden können. Die letzte komplett neue Klasse von Antibiotika kam vor 30 Jahren auf den Markt.

“Das ist ein Riesenproblem, aber es wird von der Politik nicht genug getan. Es braucht wohl erst eine große Krankheitswelle, bis etwas passiert“, sagt Oliver Baron, Geschäftsführer des Exzellenzclusters Integrierte Proteinwissenschaften (CIPSM) der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Der Wissenschaftler war Geschäftsführer des Biotech-Start-ups Aviru, die neue Antibiotika erforschten. Aviru musste jedoch 2015 den Betrieb einstellen, da das Bundesforschungsministerium die Förderung des Unternehmens beendete. Als Begründung wurde die Forschung als zu risikoreich benannt.

Das ist ein grundlegendes Problem in der Forschung von Arzneimitteln. Sie ist teuer und risikoreich. Von der Idee bis zur Zulassung dauert es im Schnitt um die 13 Jahre. Von den 5.000 bis 10.000 in Laboren untersuchten Substanzen kommt nach Angaben des Verbands forschender Arzneimittelhersteller vfa lediglich eine auf den Markt.

Waren in den 80er Jahren noch viele große Pharmaunternehmen in der Antibiotikaforschung aktiv, sind sie heute mit Sanofi, GlaxoSmithKline, Merck&Co, Roche sowie Novartis wörtlich gesprochen an einer Hand abzuzählen. Die deutschen Unternehmen Bayer und Merck haben sich schon vor Jahren aus diesem Bereich zurückgezogen. Mit der Hamburger Evotec sowie der Wuppertaler AiCuris sind es gerade mal zwei, die Antibiotikaforschung betreiben.

Es werden noch viele Jahre vergehen, bis neue Präparate auf den Markt kommen. Evotec ist in der präklinischen Prüfung und AiCuris steckt in der ersten von drei Phasen der klinischen Entwicklung. „Wir sprechen da von Zeiträumen von rund zehn Jahren, bis ein neues Antibiotikum auf den Markt kommt. Wenn ich Antibiotika entwickele, die nur begrenzt eingesetzt werden können oder sollen, muss das Verständnis da sein, dass diese auch hochpreisig verkauft werden können, damit für Firmen klar ist, dass sich die Entwicklung lohnen kann“, sagt AiCuris-Chef Holger Zimmermann.

Zwar werden weltweit mit Antibiotika jährlich von rund 40 Milliarden Dollar umgesetzt, doch der Anteil mit patentgeschützten Antibiotika liegt gerade mal bei 4,7 Milliarden Dollar. Das ist weniger als der Jahresumsatz eines der meistverabreichten Krebsmedikamente. Vor zwei Jahren kritisierte Ex-Bayer-Chef Marijn Dekkers, dass es zu wenig Anreize für die Antibiotikaforschung seitens der Regierung gebe. Die Bundesregierung setzt wiederum vermehrt auf die Kooperationen zwischen universitären Einrichtungen und der Industrie. Das Bundesforschungsministerium stellt lediglich eine zeitlich befristete Projektförderung von jährlich 27 Millionen Euro für die Antibiotikaforschung zur Verfügung. Obwohl diese Förderung auch den Pharmakonzernen zur Verfügung steht, gibt es aktuell keine großen Industrieprojekte zur Antibiotikaforschung die gefördert werden.

Die Konsequenzen der geringen Fördersummen spüren auch Forscher der Universität Würzburg, die einen Antikörper entdeckt haben, der resistente Bakterien bekämpfen soll. “Wir haben den Antikörper seit zwei Jahren fertig entwickelt und könnten direkt mit der klinischen Erprobung beginnen. Je wirksamer und spezifischer ein Mittel ist, desto weniger Geld kann man damit verdienen. Der Antibiotika-Markt liefert nicht die Milliarden-Einnahmen, die sich ein Pharmakonzern oder ein Investorenkonsortium vorstellen“, sagt Ohlsen. Die Wissenschaftler würden gerne weiterforschen, es fehlt leider das Geld.

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