Bachlauf

Die Trinkwassersituation hat sich im hessischen Ried nicht verbessert. Die Industrieinteressen dürfen ist eine Forderung des BUND. Zudem wird eine schnelle Vergabe dringend notwendiger Untersuchungen zum Grundwasserschutz gefordert. Unbekannt ist die Situation nicht, denn seit Jahren gelangen diverse Chemikalien in die Trinkwasser-Brunnen.

Bereits 2016 warnte der BUND vor der Gefährdung des Trinkwassers im hessischen Ried. Etliche Chemikalien drangen schon zu der Zeit an vielen Stellen in den Untergrund und die „Chemikalienfront“ kam sogar in einigen Trinkwasserbrunnen an.  Dies betrifft sowohl örtliche Nahversorger als auch Wasserbetriebe, die im Rhein-Main-Gebiet im Großraum Frankfurt und Wiesbaden die Bürger mit Trinkwasser versorgen.

Die Ursache liegt in der Versickerung belasteter Bäche in sandigen Boden. Durch diesen Untergrund versickern die Chemikalien besonders leicht bis in die Tiefen der Grundwasservorkommen. Die an sich wasserarmen Bäche müssen zudem enorme Mengen an Abwasser aus Gemeinden, Städten und Industrie aufnehmen, welches nicht ausreichend aufbereitet wurde. Allein die kommunalen Abwässer sind heute durch Arzneimittelrückstände, Haushaltschemikalien und Pflanzenschutzmitteln übermäßig belastet. Die meisten Kläranlagen sind technisch nicht in der Lage diese Abwässer von diesen Stoffen und deren Abbauprodukte zu reinigen.

Bisher gibt es für viele bekannte Chemikalien weder für Trinkwasser, Grundwasser oder Oberflächengewässer keine rechtlichen Grenzwerte. Es existieren lediglich Richtwerte, die nicht mehr als eine Empfehlung sind und rechtlich nicht bindend. Daher scheinen Behörden die Belastungen als gegeben hinzunehmen, anstatt Maßnahmen zu ergreifen. Während es für Pflanzenschutzmittel seit Jahrzehnten Grenzwerte beim Trinkwasser gibt (aktuell 0,1 Mikrogramm pro Liter für einen Einzelstoff bzw. 0,5 Mikrogramm pro Liter in der Summe diverser Stoffe), gibt es nicht einmal die Vorschrift auf gewisse Stoffe zu testen. Daher ist es kaum möglich verbindliche Aussagen über die genauen Belastungen des Grundwassers, der Brunnen oder des Trinkwassers zu machen.

Der BUND Hessen bekam die Daten über die Verunreinigungen nur schwer. Die Umweltschutzorganisation berief sich auf das Umweltinformationsgesetz und verlangte die Herausgabe der Daten. Das Regierungspräsidium Darmstadt gab an über keine Daten diesbezüglich zu verfügen. Dies sagt schon viel darüber, mit welcher Gewissenhaftigkeit das Regierungspräsidium Darmstadt die Trinkwasserversorgung überwacht. Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie zögerte zunächst und wollte die Daten nicht herausgeben. Nach weiteren Nachfragen und auf Berufung der Rechtslage blieb der Behörde nichts übrig als die Daten an den BUND Hessen herauszugeben. Im Grundwasser des Wasserwerks Dornheim bei Groß-Gerau wurde beispielsweise Dikegulac nachgewiesen. Dabei handelt es sich um ein Nebenprodukt bei der Vitamin C Herstellung. Seit Jahren ist auch hier die Förderung von Trinkwasser reduziert. Der Versorger Hessenwasser hat die Rückstände von Dikegulac auch auf die Produktion von Ascorbinsäure beim Pharmakonzern Merck zurückführen können.

Die Rückstände gelangten über das eigene Klärwerk von Merck und den Darmbach ins Ried. Die Produktion ist seit 2002 eingestellt und das Klärwerk wurde zudem nachgerüstet. Obwohl der Stoff lange nicht mehr in die Gewässer fließt, ist er immer noch ein Problem. Dikegulac ist schwer abbaubar und hält sich hartnäckig im Wasserkreislauf. Wörtlich heißt es in der Zusammenfassung dieser Studie: „So wurden im Tiefbrunnen 4 des Wasserwerks Dornheim bis zu 235 Stoffe detektiert, die dem industriellen Abwasser der Fa. Merck KGaA zugeordnet werden konnten, bis zu weitere 270 Stoffe im Brunnenwasser kommen aus kommunalen Kläranlagen.“

Der BUND Hessen berief sich auf Informationen vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. So wurden auch im Wasserwerk Allmendfeld und Gerauer Land höhere Belastungen nachgewiesen. Die gesundheitlichen Orientierungswerte des Umweltbundesamtes und der Grenzwert für Tetrachlorethen wurden im Wasserwerk um das doppelte überschritten. Das Antiepileptikum und Schmerzmittel Gabapentin wurde im Wiesbadener Wasserwerk deutlich unter dem Grenzwert nachgewiesen, aber dennoch ist es im Trinkwasser wo es nicht hingehört. Das Klärwerke Arzneimittelrückstände nur unzureichend herausfiltern ist ein bundesweites Problem und unlängst bekannt. Besonders in Südhessen sind die Bäche mit solchen Stoffen belastet. Wegen der sandigen Böden gelangen die Rückstände in die Grundwasserreservoire und Trinkwasserbrunnen bis schließlich zum Verbraucher.

Nach Auswertung durch den BUND Hessen sind die Grundwasser-Messstellen bzw. Trinkwasserbrunnen im Bereich des Wasserwerkes Dornheim südlich Groß-Gerau mit z. T. Dutzenden von Chemikalien belastet. Ungewiss ist laut der Umweltschutzorganisation, welche dieser Brunnen zur Trinkwassergewinnung eingesetzt werden. Ebenfalls hohe Belastungen sind in Egelsbach und im Wasserwerk Walldorf aktenkundig. Darunter befinden sich unter anderem Stoffe wie zahlreiche Arzneimittelwirkstoffe, Korrosionsschutzmittel, Pflanzenschutzmittel, Perfluorverbindungen und Süßstoffe. Dort ist Orientierungswert für einen Stoff überschritten und der Grenzwert der Trinkwasserverordnung für Tetrachlorethen um mehr als doppelt so hoch. Stark belastet ist auch das Wasser in den Wasserwerken Allmendfeld bei Gernsheim, in Weiterstadt und am Wasserwerk Gerauer Land.

Der BUND Hessen stellt die Frage, ob die angewandten Messmethoden überhaupt das ganze Spektrum der Verunreinigungen erfassen. Die tatsächliche Belastung könnte noch gravierender sein, denn ein Gutachten, welches weiter Chemikalien untersucht hatte, wurde der Umweltorganisation nur in kurzen Auszügen bereitgestellt. Trotz der bekannten Problematik hat sich bisher nicht viel getan bzw. gibt es keine positiven Resultate hinsichtlich der Chemikalien im Grundwasser. Die Fortsetzung der Untersuchungen und die Behebung der Missstände sind seit Monaten überfällig.

Daher fordert der BUND jetzt dringend von der Landesregierung die schnelle Vergabe dringend notwendiger Untersuchungen zum Grundwasserschutz im Hessischen Ried. Dr. Hans-Joachim Grommelt, Sprecher des Landesarbeitskreises Wasser im BUND Hessen: „Die Bevölkerung im Rhein-Main-Gebiet muss sofort und nachhaltig vor den Grundwasserverschmutzungen der Industrie und aus kommunalen Kläranlagen geschützt werden, denn aus dem Grundwasser werden im Hessischen Ried werden mehrere hunderttausend Menschen in Wiesbaden und Frankfurt versorgt.“

„Das vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in Auftrag gegebene und im September 2015 abgeschlossene Gutachten konnte nur die Molekulargewichte und die Herkunft feststellen, nicht aber die chemische Struktur, die Konzentration und die Gefährlichkeit für den Menschen. Dies erfordert weitere Untersuchungen, die aber bisher von der Landesregierung verweigert werden.

Bereits im letzten Oktober hatte der BUND deshalb bei einem Gespräch im Regierungspräsidium nachgehakt. Dort hieß es, die Untersuchung sei nicht Aufgabe des RP. Dafür sei das ‘HLNUG verantwortlich‘. Im März 2017, bei einem Fachsymposium des HLNUG zu den Spurenstoffen im Hessischen Ried, fragten der BUND erneut nach. Ein Vertreter des HLNUG antwortete, die Untersuchungen seien noch nicht begonnen worden. Man warte auf die Genehmigung des Umweltministeriums. Offenbar will die Landesregierung die notwendigen Untersuchungen nun aber gar nicht mehr vergeben, denn die entsprechende sehr konkrete Frage der SPD-Landtagsfraktion wurde von der Umweltministerin nicht beantwortet (3). Für Dr. Grommelt vom BUND ist die fehlende Zustimmung des Umweltministeriums zur Fortsetzung der Untersuchungen nicht nachvollziehbar, denn: ‘Trinkwasser ist das Lebensmittel Nummer 1 und der Grundwasserschutz muss Vorrang vor kommunalen und industriellen Interessen haben.‘

Positiv bewertet der BUND, dass die Landesregierung in dieser Legislaturperiode den Einstieg in die Förderung der so genannten vierten Reinigungsstufe bei den Kläranlagen, mit der die o. g. chemischen Spurenstoffe reduziert werden, genommen hat und bis Ende 2017 ihre Strategie zum Ausbau weiterer Kläranlagen mit der vierten Reinigungsstufe festlegen will (4). Aus der Sicht des BUND besteht hier ein großer Bedarf, denn im bundesweiten Vergleich besteht im Hessischen Ried eine extrem hohe Belastung. Gleichwohl sind andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg bei geringerer Belastungssituation bereits weiter, so dass dort bereits zwei Dutzend Kläranlagen mit dieser Technik erfolgreich und kostengünstig betrieben werden‘, teilte der BUND mit.

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