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Der gläserne Patient ist in Deutschland angekommen

Es klingt verlockend. Wer gesund lebt wird belohnt. Versicherungen wollen Kunden mit Bonusleistungen locken. Dafür müssen sie aber eine ständige Überwachung über eine Smartwatch oder Fitness-App zulassen. Den Anfang in Deutschland macht die Generali-Versicherung und will mit einem Krankenversicherungspaket seinen Kunden das neue innovative Produkt schmackhaft machen.

Mehr als die Hälfte aller Todesfälle sind auf Bluthochdruck, Diabetes, einige Krebs- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen. Die Ursachen liegen oft an dem heutigen Lebensstil. Ungesunde Ernährung, mangelnde Fitness sowie Zigaretten- und übermäßiger Alkoholkonsum. Die guten Vorsätze fürs neue Jahr dürften ebenfalls zu 90 Prozent genau den Wunsch beinhalten an diesen Dingen etwas zu ändern. Jeder weiß selber wie lange die guten Vorsätze halten Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und sich zu verändern fällt vielen schwer. Die Generali-Versicherung will Anreize schaffen, damit der Ansporn etwas am eigenen Lebensstil zu verändern größer wird. Kunden die bereit sind mittels einer App ihres Smartphones oder einer Smartwatch ihren persönlichen Kalorienverbrauch, Bewegungsmuster sowie Pulsfrequenzen aufzuzeichnen und dieses Daten an Anbieter wie Nike Plus, My Coach oder Jawbone zu übermitteln, sollen belohnt werden, sofern das Verhalten gesundheitsbewusst ist.

Das spezielle Angebot wird in der EU zunächst für Deutschland, Österreich und Frankreich zu haben sein. In der letzten Woche ist der Versicherer Generali mit dem südafrikanischen Versicherungskonzern Discovery eine Kooperation eingegangen, der als weltweiter Marktführer in Sachen Bonusleistungen in Verbindung mit Gesundheitsprogrammen ist. Für die Versicherungsgesellschaft Discovery ist das ein lohnendes Geschäft. Sie greifen auf einen Datensatz von fünf Millionen Versicherten zurück über einen Zeitraum von 17 Jahren. Auswertungen haben ergeben, dass Versicherte, die mit Bonusleistungen wie Gutscheine für Fitnessstudios oder Einkaufsgutscheine für Sportartikel 18 Prozent weniger Kosten verursachen als andere Privatversicherte. Sportliche Menschen verursachen zudem sieben Prozent weniger Kosten bei Krankenhausaufenthalten. Der gigantische Datensatz zeigt zudem auf, wie Versicherte zu einem gesunden Lebensstil animiert werden können. Die Versicherer sind sehr an dem Big Data Mining (große Datenmengen schürfen) interessiert.

Der schnell wachsende Markt für Fitness-Apps, Smartwatches und andere Wearables (tragbare Minicomputer) eröffnet neue Dimensionen für die Datenerhebung. Es kann theoretisch ein durchgehendes Telemonitoring stattfinden. Die Wissenschaft kann davon ebenfalls profitieren, denn bisher sind aufwendige Studien nötig, um eine Hypothese zu analysieren. Mit Millionen von Verhaltensmustern, Aktivitäten und geographischen Mustern können aus den Daten zahlreiche Schlussfolgerungen gezogen werden. Ein Beispiel hierfür ist eine veröffentlichte Fallstudie von Dr. Altman und Dr. Tatonetti aus dem Jahr 2011. Sie konnten allein Aufgrund der Datenbank der Food and Drug Administration (Amerikanische Arzneimittelbehörde) feststellen, dass die gleichzeitige Einnahme des Cholesterinsenkers Pravastatin und dem Antidepressivum Paxil zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel führte.

Ein gläserner Patient kann auch Nachteile mit sich bringen. Einzelne Patientengruppen könnten mit höheren Tarifen belegt werden. Bei dem neuen Angebot von Generali ist das vorerst kein Thema. Die Versicherten müssen Zustimmen, dass Ihre Daten an den Versicherer übermittelt werden. Zunächst ist es ja auch lediglich ein Belohnungssystem. Im Gegensatz zu Datenbanken von elektronischen Patientendossiers für die Forschung sind die gewerblichen Datenbanken von den Versicherern allerdings nicht anonymisiert. Das führt zu besseren und detaillierteren Analysen, weil nicht nur ein ähnlicher Typus repräsentiert wird.

Für regulär Versicherte kann das Folgen haben, selbst wenn sie ihre Daten nicht übermitteln. „Die Analyse der Daten macht es möglich, Personen, die eine Kombination von bestimmten Merkmalen vorweisen, ein Kostenrisiko für die Versicherung zuzuschreiben. Dabei muss der Betroffene nicht einmal an dem Programm teilnehmen, die erhöhten Versicherungskosten muss er dennoch tragen, so Schalllaböck, Datenschutzexperte der Anwaltskanzlei iRights.law gegenüber Handelsblatt.

Die höheren Kosten könnten auch einfach pauschalisiert werden. Wer einer Überwachung nicht zustimmt, kommt in eine höhere Tarifklasse und zahlt mehr. In den USA erhalten Versicherte von United Health Care, die an dem Programm teilnehmen, bereits jetzt günstigere Tarife. Die „normalen“ Versicherten müssen draufzahlen. Auch lohnt es sich Gedanken zu machen was mit den Daten noch gemacht werden kann. Sie könnten zu Marketingzwecken an andere Unternehmen verkauft werden oder die Versicherer könnten eventuell Rückschlüsse auf das Risikoverhalten nehmen und die KFZ Tarife darauf auslegen. Bei so gewaltigen und spezifischen Datenmengen ist Missbrauch nicht auszuschließen.