×

Nachricht

Die E-Mail-Funktion wurde temporär aus dieser Website deaktiviert. Bitte später erneut versuchen.

Über das Leiden Pontius Pilatus und Mitleiden des Evangelisten und der Zuschauer

Die Darstellungen der Passionsgeschichte können genauso facettenreich sein wie die in dem Stück dargestellten Gefühle: Schmerz, Wut und Gereiztheit, Mitleid und Verzweiflung.

Am 27.02.2014 lassen Peter Sellars und Sir Simon Rattle auf der Bühne der Berliner Philharmonie nicht nur Jesus Christus leiden. In dieser Inszenierung quält sich Pontius Pilatus, leidet der Zuschauer mit und sogar der Erzähler.

Ja, an der ersten Stelle trägt der Evangelist Mark Padmore dazu bei, dass der Zuschauer sofort in die Welt der starken Gefühle eingeführt wird. Denn von ihm wird alles andere als sachlich berichtet, im Gegenteil, seine emotionsgeladene Stimme bewirkt, dass wir voll Mitleid nicht nur der tragischen Handlung folgen, sondern richtig dabei sind und zwar mit Gänsehaut.

Auch der Rundfunkchor zeigt die breite Palette von Emotionen und beweist damit seine Flexibilität. Von tief bewegenden und Ruhe bringenden Chorälen bis zum Hass und Wutanfällen des Volkes. Ungewohnt erleben wir auf der Bühne der Philharmonie sich bewegende Chorsänger. Peter Sellars lässt sie mal im Liegen, mal im Knien, mal im Stehen, mal im Laufen singen. Sie strecken ihre Hände oder halten sie am Herzen. Man kann wetten, dass jeder Chorsänger, der im Publikum sitzt, einfach neidisch ist, denn sonst hat ja der Chor zu stehen und darf nur den Mund bewegen.

Optisch ist der Chor überwältig im Vergleich zu den Berliner Philharmonikern, die in der Kammerorchester Besetzung im Hintergrund das ganze Geschehen meisterhaft und präzise begleiten. Den Dirigentenstock hält der Chefdirigent Sir Simon Rattle selbst.

Und eigentlich müsste diese Ausführung der Bachischen Johannes Passion den Untertitel „Das Leiden Pilati“ tragen. Christi Leiden (Roderick Williams) ist ja sowieso selbstverständlich, wie auch sinnvoll, nicht umsonst und vor allem auf Wunsch Seines Vaters. Bravissimo für den Darsteller von Pontius Pilatus für seinen emotionsgeladenen Gesang! Der charismatische Christian Gerhaher, seine moralischen Überlegungen und Chaos der Gefühle, Sympathie und Respekt zu Jesus und schließlich Machtlosigkeit gegen aggressive Menschenmasse, ziehen die volle Aufmerksamkeit auf sich.

Der Überlegung wert wäre, wie weit Pilatus innere Unentschiedenheit von seiner Frau Claudia (die nach Anna Emmerichs Offenbarung selbst Christin geworden ist) beeinflusst worden ist und warum der Evangelist Johannes - im Gegenteil zu Matthäus – sie gar nicht erwähnt. „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, ich habe heute viel erlitten im Traum von seinetwegen“

Gott sein dank wird das biblische „Weib hat zu schweigen“ nicht allzu ernst genommen und an dem Abend erklingen in der Philharmonie zwei wunderschöne weibliche Stimmen, die in ihren Arien die Zuschauer in Atem halten und ihre Herzen zerfließen.

Engelhafte Sopranistin Camilla Tilling und nicht weniger beeindruckend Magdalena Kožena. Echt unglaublich was für Aussagekraft eine schwangere Frau auf der Bühne hat!

Herrlicher Chorklang, traumhafte Solisten und herzergreifende Inszenierung! Berliner Philharmonie bietet ihrem Publikum immer wieder Diamanten aus dem höchsten Regal.

Eine bewegende und erschütternde Inszenierung ist vollbracht.