Wyoming-Luftaufnahme-viele-Bohrgebiete

Ein US-Forscher arbeitete an dem Beweis, dass Fracking das Trinkwasser in einem kleinen Dorf verschmutzt. Als die ersten Zwischenergebnisse vorlagen, sorgte die Umweltschutzbehörde für die Einstellung der Forschung sowie für eine Nichtveröffentlichung der Zwischenergebnisse. Doch der Forscher gab nicht auf. Er verlies die Umweltbehörde, beendete seine Forschungsarbeit und veröffentlichte die Ergebnisse im Fachmagazin „Environmental Science and Technology“.

Ein kleines Dorf in Wyoming ist plötzlich im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Das Örtchen Pavillion hat eine Schule, ein Postamt, eine Baptistenkirche und gerade mal 231 Einwohner. Ein Ort, den keiner von ausserhalb kennt oder kennen müsste. Aber da in Pavillion Gas durch Fracking gewonnen wird und es Beschwerden über verschmutztes Trinkwasser gab, musste die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) tätig werden. Damit begann eine Geschichte die das Zeug zu einem Umwelt-Thriller hat.

Als es im Jahr 2008 Beschwerden von den Bewohnern aus Pavillion gab, ihr Trinkwasser würde riechen und schlecht schmecken, schickte die EPA ihren Wissenschaftler DiGiulio vor Ort, um der Ursache der Verschmutzung auf den Grund zu gehen. DiGiulio lies mehrere Probebohrungen machen, führte zwischen 2009 und 2011 mehrere Messungen durch und wertete die Daten aus. Er hat seine Ergebnisse in einem 120-seitigen Bericht mit Tabellen und Grafiken zusammengefasst.

In seinem Bericht stellte der Wissenschaftler fest, dass unter anderem diverse organische Substanzen im Trinkwasser gefunden wurden, die nicht im Wasser sein sollten. Als Ursache vermutete er das Fracking in der Gegend, doch konnten seine Ergebnisse zu dem Zeitpunkt nicht von unabhängigen Forschern betrachtet und eingeschätzt werden.

Plötzlich ging der Ärger los. Das beschuldigte Fracking-Unternehmen Encana beschwerte sich über den Bericht. Andere Fracking-Unternehmen schlossen sich an, genau wie der US-Bundesstaat Wyoming. Der gleichlautende Tenor: Die Messbohrungen seinen nicht in Ordnung. Doch Anstatt DiGiulio zu erlauben seine Forschungen weiter zu betreiben, rief sein Arbeitgeber EPA ihn zurück. Die Umweltbehörde kündigte zudem an, die weitere Arbeit in Pavillion einzustellen und die bisherigen Zwischenergebnisse nicht zu veröffentlichen. Unter anderem setzte der republikanische Senator James Inhofe aus Oklahoma die EPA unter Druck.

Ab sofort sollte sich der Bundesstaat Wyoming um die Verschmutzung des Trinkwassers in Pavillion kümmern. Das machte Wyoming nur zu gerne und lies sich die Arbeit seiner Wissenschaftler mit 1,5 Millionen Dollar von Encana bezuschussen. Da verwundert es wenig, dass anschließend lediglich Zwischenberichte ohne jegliche ernstzunehmenden Ergebnisse zustande kamen. Einen aussagekräftigen Abschlussbericht soll es gar nicht geben.

Der Forscher DiGiulio wollte die Diskreditierung seiner bisherigen Arbeit nicht auf sich nehmen. Er ließ sich nach 31 Dienstjahren bei der EPA in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. Er nahm eine Stelle als Gastforscher bei der Stanford University an und brachte seine Arbeit mit Hilfe von Kollegen zu Ende. „Es war mir wichtig, die Arbeit fertigzustellen und einen von anderen Wissenschaftlern begutachteten Fachartikel zu haben“, sagt er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Es ging ihm nicht nur um die Bewohner von Pavillion. Was dort passiert betrifft etliche Gemeinden, denn die US-Gesetzgebung erlaubt, dass notfalls die Fracking-Chemikalien auch in Grundwasserreservoire eingeleitet werden dürfen. „Ich kenne keine westliche Demokratie, wo so etwas möglich ist“, empört sich DiGiulio.

Aus diesem Grund wollte er seine Arbeit unbedingt wissenschaftlich korrekt beenden und veröffentlichen. Er besorgte sich sogar die in der Schublade verschwundenen Daten von der EPA. Dies gelang ihm durch das US-Informationsfreiheitsgesetzes. Letztlich konnte er wissenschaftlich belegen, dass die Verschmutzungen des Trinkwassers in Pavillion auf das Fracking zurückzuführen sind. Die Chemikalien sind durch den Sandstein im Untergrund in Bereiche zur Trinkwassergewinnung gewandert.

Ob das durch Fracking verschmutzte Wasser bereits aus dem Hahn der Bewohner fliesst konnte das Team um DiGiulio nicht beantworten. Dafür müssten Messungen an den Trinkwasserbrunnen genommen werden. Allerdings ist es besorgniserregend genug, dass die Chemikalien im Grundwasser sind. So sind einige der 44 Encana-Bohrlöcher rund um Pavillion nicht einmal 400 Meter tief. In Deutschland wird derzeit ein Gesetzes-Entwurf entworfen, der außer wissenschaftlichen Probebohrungen, nur Bohrungen tiefer als 3000 Meter erlaubt.

Laut Co-Autor Rob Jackson wurde an 2600 Bohrlöchern oberhalb von 900 Metern gefrackt, vor allem in Texas, Kalifornien, Arkansas und eben Wyoming. Für diese Bundesstaaten ist die Arbeit von DiGiulio ernstzunehmen. Das Fracking-Unternehmen Encana behauptet trotzdem es gebe „keinen Beweis“, für eine Veränderung der Wasserqualität von Pavillion. Bei allen Wasseranalysen seien die Standards eingehalten worden.

Die EPA gab bekannt sich die Arbeit von DiGiulio anzusehen, genau wie andere Studien zu diesem Thema. Im vergangen Jahr hat die Behörde den Entwurf für einen knapp 1000-seitigen Bericht über die Folgen des Fracking für das Trinkwasser veröffentlicht. Danach gebe es keine „weitreichenden, systemischen Belastungen“ des Trinkwassers in den USA. Das sahen die Wissenschaftler, welche die Arbeit der EPA überwachen allerdings anders. Die Aussagen seien „inkonsistent“ mit den vorliegenden Daten. Offen bleibt, ob die Aufpasser die Behörde zum Nacharbeiten auffordern, denn zwingen können sie die EPA dazu nicht. Sollte dies geschehen, wird der Bericht von DiGiulio sicherlich besonders im Fokus stehen.

 

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