Schutzanzug-Arbeiter-Giftmüllfässer

Einer der größten Umweltskandale der deutschen Geschichte ist bis heute eine potenzielle Gefahr. Immer noch ist die Umweltverschmutzung nicht zufriedenstellend beseitigt. Überall sind hochgiftige Dioxine zu finden, im Grundwasser,  im Boden, in der Luft und in Lebensmitteln. Der Dioxin-Skandal im Hamburger Moorfleet des Chemiekonzerns Boehringer Ingelheim wird noch Generationen beschäftigen.

Alles begann im Jahre 1951, als der Chemiekonzern Boehringer Ingelheim sein Werk im Hamburger Stadtteil von der Herstellung von Opiumalkaloiden auf die Produktion von Pflanzenschutzmitteln umstellte. Es wurde das Insektizid LINDAN hergestellt, aus deren Abfallstoff Trichlorphenol hergestellt wurde, welches der Ausgangsstoff für das Herbizid T-Säure war. Bei der Produktion von T-Säure fällt 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin, abgekürzt 2,3,7,8-TCDD oder nur TCDD, das giftigste aller Dioxine an. Bereits 1953, nur drei Jahre später, erkrankten die ersten Arbeiter im Boehringer Werk an einer typischen Erscheinung von Dioxin-Vergiftung, der sogenannten Chlorakne. Das Unternehmen unterbrach zeitweilig die Produktion, nahm aber 1957 die T-Säure-Produktion mit einem neuen, als unbedenklich geltenden Verfahren wieder auf. Das Ergebnis sind heute die BSS - Boehringer-spezifische Schadstoffe.

TCDD ist bis heute eines der stärkste chemischen Gifte die jemals hergestellt wurden. TCDD erreichte seine traurige Berühmtheit zu den Zeiten des Vietnamkrieges, als sie im Entlaubungsmittel „Agent Orange“ eingesetzt wurde. Der damalige Einsatz von „Agent Orange“ führt bis heute zu andauernden gesundheitliche Schädigungen bei Bevölkerung und US-Soldaten. Im Boehringer Moorfleet-Werk wurden ebenfalls Grundstoffe für Agent Orange produziert. Neben TCDD entstanden weitere giftige Produktionsabfälle wie HCH (Hexachlorcyclohexan). HCH ist gesundheitsschädlich, umweltgefährdendh und als sehr giftig eingestuft. So auch Chlorbenzol, das auch Bestandteil der Produktionsabfälle des Boehringer Werkes ist. Heute ist der Chemikalien-Cocktail, der das Werk, die Böden, das Trinkwasser und die Umgebung verseucht auch als BSS - Boehringer-spezifische Schadstoffe bekannt.

1984 wurden auf Altlasten-Deponien in Georgswerder und auf der Veddel dioxinverseuchte Abfälle, die nachweislich von Chemiekonzern Boehringer Ingelheim stammten, nachgewiesen. Wenige Wochen darauf, am 18. Juni 1984, musste der Konzern das Werk in Hamburg Moorfleet auf Druck der Umweltbehörden, wegen Verstoß gegen die Auflagen, schließen. Bis dahin gab es schon mehrfach Skandale und Demonstrationen wegen erhöhter Krebsraten, kranker Arbeiter, Gift im Boden, in der Luft und im Wasser, doch am 18. Juni 1984 war es das erste Mal in der Geschichte Deutschlands, dass eine Behörde einen Chemiebetrieb aufgrund des Umweltschutzes schließen lässt.

Dieser Fall sorgte Landesweit für Aufsehen. Zu Tage kamen, neben den Funden auf den Deponien, noch über 1.000 Tonnen Gift in Fässern sowie metertief verseuchtes Erdreich. „Boehringer Moorfleet“ wurde zu einer der größten Umweltkatastrophen Deutschlands und ist dies bis heute. Das Gift war überall zu finden. In der Erde, im Grundwasser, in der Luft, sogar in der Milch von Kühen die in der Nähe grasten. Auch in den Körpern der Boehringer-Mitarbeiter des Werkes wurden Dioxine in erhöhtem Maße nachgewiesen. Die meisten von ihnen hantierten unwissend bei ihrer täglichen Arbeit mit dem giftigen Dioxin. Betroffen davon waren etwa 1.600 Mitarbeiter. Zuletzt waren nur noch 240 im Hamburger Werk tätig.

Viele Arbeiter erkrankten in den kommenden Jahren an Krebs oder anderen schweren Krankheiten, welche mit Dioxin in Verbindung gebracht werden. Mediziner und Professor Alfred Manz (83), welcher 1987 die Leitung der vom Senat eingerichteten Beratungsstelle für Boehringer-Geschädigte übertragen wurde, ist ein Experte für die gesundheitlichen Folgen durch Dioxin. Manz wird auch als „Herr der Krankendaten“ der Boehringer-Mitarbeiter bezeichnet, denn er verwaltet fünf große Panzerschränke mit Krankendaten. Dazu gehört noch ein großes Dia-Archiv mit Aufnahmen von Arbeitssituationen und Krankheitssymptomen.

„Wir haben hier einen weltweit einzigartigen Fundus an Daten. Sie müssten wissenschaftlich aufgearbeitet werden, aber dafür fehlt das Geld. Ich selbst kann fast nur die Beratung leisten“, erklärt der Mediziner. Die letzten Statistik aus dem Jahr 1994 zeigt, das 35 Prozent der 1589 Mitarbeiter, welche ab 1952 bis zur Werksschließung im Jahr 1984 mindestens drei Monate lang in dem Werk beschäftigt waren, bereits verstorben sind. Dabei liegt die Krebstotenrate deutlich über dem der Normalbevölkerung und das Alter der Verstorbenen ist deutlich niedriger. „Es ist bekannt, dass Dioxin ein Krebspromotor ist, also die Bildung von Krebs fördert“, erklärt Manz. Seit 1994 sind die Entwicklungen nicht mehr systematisch erfasst worden, doch „die Lage hat sich verschlimmert, so sind weitere Krebsfälle hinzugekommen“.

Im November desselben Jahres gründet Boehringer die Tochterfirma Dekonta, welche Pläne zur Sanierung des Werksgeländes entwickelt. Um die Katastrophe in den Griff zu bekommen, beschritten die Ingenieure technisches Neuland. Das Unternehmen entwickelt „Prometheus“, eine spezielle Hochtemperatur-Verbrennungsanlage, welche den kontaminierten Boden auf 800 Grad Celsius erhitzen soll. Dadurch sollen die Schadstoffe verdampfen, um diese anschließend in einer zweiten Brennkammer mit Temperaturen um 1.200 Grad zu zersetzen. Der Boden soll bis zu vier Meter ausgehoben werden und mittels Pumpen soll das vergiftete Grundwasser nach oben befördert werden um es zu reinigen. So lautete zumindest der Plan. Doch es kam ganz anders. 1994, zehn Jahre nach der Schließung des Werkes scheiterte letztendlich der Sanierungsversuch. Die aggressiven Chemikalien zerfraßen die Anlage, die giftigen Abgase verseuchten die Umgebung und verursachten weitere Umweltprobleme.

Daraufhin einigten sich das Unternehmen und die Stadt Hamburg auf ein neues Konzept „Sichern statt sanieren“. Das verseuchte Werksgelände wurde mit einem riesigen Betonsarg eingekapselt. Von 1997 bis 1998 arbeiteten sich spezielle Fräsmaschinen durch den Untergrund des 8,5 Hektar große Areals und errichteten einen unterirdischen Beton-Schutzwall. Das Bollwerk geht 50 Meter Tief und ist 80 Zentimeter dick. Eine Asphaltdecke verhindert das Regenwasser die giftigen Stoffe auslöst und von unten wirkt eine undurchlässige Schicht Glimmerton als Boden. Die Arbeiten gingen bis ins Jahr 1998. Das Unternehmen Boehringer Ingelheim trug die Kosten. Dazu gehören fünf Pumpen die rund um die Uhr jede Stunde 20 Kubikmeter verseuchtes Grundwasser fördern. Vier sind im „Topf“ und eine außerhalb. Eine Abwasserreinigungsanlage scheidet das enthaltene Gift auf dem Gelände ab.

Am 9. Dezember 2013 trafen sich Vertreter von Behörden und Boehringer Ingelheim am runden Tisch, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Es ging um die 100 Tonnen Gift im Boden des ehemaligen Chemiebetriebs und um eine der Pumpen, die rund um die Uhr das verseuchte Grundwasser fördern soll. Diese sollte aus Kostengründen abgestellt werden. Entsetzt vertagten die Umweltschützer die Sitzung um sich zu beraten. Jetzt, über 30 Jahre nach der Katastrophe und jahrelanger Vergiftung der Umwelt verkündete Umweltsenatorin Jutta Blankau (SPD), der Bund für Naturschutz und Umwelt (BUND) und der Chemiekonzern Boehringer Ingelheim eine Übereinstimmung der anderen Art.

Das Unternehmen Boehringer Ingelheim verpflichtet sich in einem Langzeitvertrag das mit Chlorbenzol verseuchte Grundwasser auf dem alten Betriebsgelände zu reinigen und die Sanierung in den kommenden Jahrzehnten zu überwachen. Zusätzlich sollen zwei weitere bis zu 25 Meter tiefe Brunnen gebohrt werden, um den Schadstoffabbau zu beschleunigen. Es ist beabsichtigt, dass in den nächsten 40 Jahren die gesamte Schadstoffmenge aus dem Grundwasser mit in einer Wasseraufbereitungsanlage entfernt wird, um es anschließend in einen Kanal zu leiten. Das Gift hat sich über Grundwasserströme außerhalb des Werksareals über eine Strecke von bis zu 1.000 Metern weiter verteilt. Die Kosten hierfür sind überschaubar. Der Chemiekonzern gibt bis 2027 zunächst 6,2 Millionen Euro für die Maßnahmen aus und die Stadt beteiligt sich einmalig mit 500.000 Euro. Der Beginn der Arbeiten ist für Januar 2016 geplant und bis 2054 soll das Grundwasser entgiftet sein.

Es wurde bisher viel zu wenig getan und wenn nur halbherzig. Bei den neuen Maßnahmen wird der Chemiekonzern von Behörden und Politik für sein Engagement bei der Sanierung gefeiert. Doch letztlich hätte es gar nicht so weit kommen müssen, gab es doch schon vor Jahrzehnten kritische Stimmen. Während die Natur sich eventuell über Jahrzehnte erholen wird, gilt dies für die ehemaligen Mitarbeiter nicht. Auch hier wurde seitens des Unternehmens zu wenig getan. Lediglich 215 Mitarbeitern wurde eine freiwillige Entschädigungszahlung geleistet. Zwar können sich ehemalige Mitarbeiter von der unternehmensfinanzierten Beratungsstelle von einem Epidemiologien beraten lassen, doch zuvor müssen sie bei der Berufsgenossenschaft noch um Anerkennung ihrer Leiden als Berufskrankheit kämpfen. Währenddessen läuft Ihnen die Zeit davon und viele sterben während den langwierigen Verfahren. Meist an Krebs, Nervenschädigungen oder anderen Leiden, die Mediziner mit Dioxinvergiftungen in Verbindung bringen.

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